21.9.09


Was macht ein Indio mit Speer vor der Mariahilf-Kirche? Ein Aufnahmeteam ist weit und breit nicht zu sehen, Pan-Flötenspieler sind auch keine da. Bis auf einen einsamen Skater und ein Trachtler-Paar auf dem Weg zum Oktoberfest ist hier sonst niemand unterwegs. Sonntagnachmittagsleere halt.

Der Indio hat lange, schmierig-schwarze Haare. Um die tiefbraune Stirn hat er sich einen weißen Schal gebunden. An den Füssen trägt er knatschblaue Plastiksandalen -- passend zum leicht vergammelten blau-weißen Trainingsanzug und dem mit weiß-blauen Bändern umwickelten Speer. Der Mann orientiert sich einen Moment und strebt dann auf den Haupteingang der Kirche zu. Vor einem Abfalleimer hebt er den Speer, führt einen gezielten Stoß in den Müllbehälter und erwischt eine kleine Fanta-Flasche. Er sieht enttäuscht aus, als er die Beute sichtet, sie vom Speer ab und zurück in den Abfalleimer streift. Ein Jäger achtlos weggeworfener Pfandflaschen ist der Indio offenbar nicht.

Beim Weitergehen über den Kirchplatz sehe ich einen kleinen Schubwagen stehen, auf dem ein Koffer, eine große Gitarre, mehrere Speere und drei sauber angeordnete Minitonnen befestigt sind. Eine für blaues, eine für weißes und die dritte für weiß-blaues Papier...

SCHNIPP SCHNIPP SCHNIPP SCHNIPP SCHNIPP SCHNIPP SCHNIPP

Das mag ausgedacht klingen, ist aber alles wahr, ich schwör. Wobei, die Fanta könnte möglicherweise auch Mezzo-Mix gewesen sein...
Stehe unter dem Einfluss einer Werkstattlesung, bei der die Zuhörer immer ganz genau wissen wollten, ob das Gelesene denn auch wirklich so passiert zumindest aber logisch war. Sagten Sachen wie "schwarze Haare kann die doch nicht gehabt haben, mit 60. Die war doch gefärbt". Machten in aller Ernsthaftigkeit kritische Anmerkungen zur Richtigkeit bestimmter, geschilderter Bestatter-Praktiken und diskutierten, ob die geschilderte Altherrenphantasie (40 Jahre Abiturfeier, im Chemiesaal nimmt der Ich-Erzähler die Jahrgangsschönste von hinten, schaut dabei auf die Tafel mit dem Periodensystem...) den Tatbestand der Vergewaltigung erfülle und/oder pornografisch sei... Bayern ist gute Gaudi, gerade.

31.7.09


Sloterdijk brachte es einfach nicht mehr. Wantoch seufzte. Die Mädels gaben offenbar keinen Pfifferling für mehr für Philosophie. Früher, vor 20, 25 Jahren hatte die Masche prima gezogen. Da standen sie noch auf Kerls, die mit einem Glas Rotwein, ein paar Suhrkamp-Taschenbüchern und Notizzetteln vor sich nachdenklich ins Leere starrend an ihrer Pfeife zogen. Ja, das waren noch Zeiten gewesen. Kaum ein Abend, an dem er nicht mit einer Studentin auf seiner schick verblichenen Chaiselongue zwischen den deckenhohen Bücherwänden gelandet wäre. Heutzutage mußte er sich am Grabbeltisch der Mittelalten und Frustrierten bedienen.

Die Frau am Nachbartisch war nicht mehr nüchtern. "Wie auch, nach dem viertem Kaipi" dachte Wantoch, der die Blondierte die letzten eineinhalb Stunden über immer mal wieder sondiert hatte. Profilaktisch sozusagen, falls sich wirklich nichts Besseres ergeben sollte. "Wahrscheinlich 37, Sekretärin, geschieden, und gerade wieder mal von jemandem versetzt worden, bei dem sie Partnerpotential gewittert hatte. Müsste also eigentlich eine von der dankbaren Sorte sein... "

Abgesehen von Frauen war Wantoch Konsumverweigerer, weitgehend jedenfalls. So besaß er zum Beispiel seit Mitte der 80er keinen Fernseher mehr, ein Umstand, den er in Gesprächen gerne, oft und voller Stolz erwähnte. Und so war es kein Wunder, daß er seit geraumer Zeit versuchte, Blickkontakt mit Simone Marbach aufzunehmen, ohne zu ahnen, daß er mit der Blondierten eine der derzeit umstrittensten Moderatorinnen der Republik vor sich hatte.

Die letzten Wochen hatten es nicht gut gemeint mit Simone. Alles hatte damit angefangen, daß sie Ernesto mit Paul beim stehenden Beiwohnen (Wörter wie ,Ficken' kamen in Simones Wortschatz nicht vor) in ihrer Bulthauptküche erwischt hatte. Als bekennende Schwulen-Verächterin traf sie ...

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27.7.09

Diaristischer Schlenker


Erlebnisdichte hin, Sparzwang her -- der Abenteuerfaktor nächtlicher U-Bahnfahrten am Wochenende ist überschätzt. Bloss weil die meist jugendlichen Mitfahrer in allen möglichen Sprachen grölen, lallen und/oder ihre im Suffschlaf vor sich hin sabbernden Spezis zum Aussteigen wecken, wird der Berliner Bahnverkehr kein kosmopolitisches Erlebnis. Das beschert einem der durchschnittliche Taxifahrer zwar auch nicht, aber dem kann man wenigstens freundlich das Wort und Radio Paradiso-Gesülze abschneiden...

20.6.09


Beim flüchtigen Blick über den Posteingang stutzte er. Eine Nachricht von Sachs Mariella, Betreff Bochum. Mariella Sachs? MARI? Nach 20 Jahren Funkstille? Mari. Das schlaue, versponnene, versoffene, engelsgesichtige Mädchen, das ihn damals "nur als Freund" wollte, woran auch einige libidinöse Ausrutscher nichts geändert hatten. Mari, die das Beuteschema begründet hatte, dem er noch heute folgte. Mari, bei der er gelernt hatte, sich auf Zurückweisung einzurichten und Erfolg zu fürchten.

Alfred atmete tief durch und klickte. Lalala, dieses Internet, Namen aus der Vergangenheit, alte Weggefährten, lalala, und dann: Da wir ja früher häufig über Bücher und Literatur gesprochen haben, nur kurz und nicht mit der Absicht, mich ins rechte Licht setzen zu wollen: Ich bin doch noch Autorin geworden, mit einem veröffentlichen Roman und Mitgliedschaft Deutschen Schriftstellerverband usw... Nach 10 Jahren beim Circus sei sie jetzt auf der Suche nach neuen Perspektiven, demnächst dann auch mal in Berlin und vielleicht könne man sich ja auf einen Kaffee treffen, "ja einen Kaffee, denn mit dem ungesunden Leben ist es auch schon lange vorbei".

Sätze wie eine kräftig geführte Faust in den Solar Plexus. Alfred hielt sich den Bauch. Las den 15-Zeiler noch einmal und kicherte hysterisch. Mari, Mari, Mari... (tbc)

Frauen, PAH! Unsere bessere Hälfte, so ein Schwachsinn! Die Bettwäsche hatte Conni noch gekauft. Dicke Rosen auf Flanell. "Ironisch" hatte sie das genannt, genau wie die Küche, diese 70er Jahre Designhölle inklusive vergößerter Prilblumen. Wird Zeit, dass die Ironie verschwindet, murmelte Alfred. Conni war seit über sechs Jahren weg. Für eine minimalistische, stahlgebürstete Bulthaupt würde das Geld nicht reichen, aber vielleicht läßt sich ja bei Ebay günstig was schiessen. "...it's time to make a change, just relax, take it easy..." summend fuhr er den Mac hoch.
(tbc)

20.12.08


Dass sich hinter ihrer Coolness, unterhaltsam-bösartigen und oft hellsichtigen Sprüchen ein hoch empfindliches, leicht paranoides Wesen verbarg, war ihm zwar schon früher aufgefallen, aber im Grunde egal. Das Essen war gut, Weinauswahl, Musik und Konversation ebenfalls, aber vor allem stimmte das Menü im Bett. Herrje, wie biege ich das denn jetzt wieder gerade, fragte sich Arthur und legte eine Slickaphonics-CD ein. "This thing you call relationship is not so hip, not so hip..." sang er lauthals mit und begann die Bettwäsche abzuziehen...
(tbc)

31.10.08


Verdammtes Rauchen. Alfred fluchte. Die Schachtel war leer und aus dem Reserve-Tabak würde er nur noch zwei sehr dünne Zigaretten drehen können, wenn überhaupt. Ausgerechnet jetzt. Schreiben ohne Kippen. Unvorstellbar. Scheissabhängigkeit! Ich sollte endlich mal aufhören, murmelte Alfred zum Mac. Oft genug probiert hatte er das. Allerdings waren seine letzten Bemühungen so kläglich ausgefallen, dass ihn sogar Lara nur noch auslachte.
Als jüngeres Kind hatte Lara einigen Eifer daran gesetzt, die Welt und Alfred vor Lungenkrebs zu bewahren. Eine Zeit lang waren dramatische Szenen mit und ohne Tränen (Papi, Papi, bitte mach Dich nicht tot...) ebenso an der Tagesordnung wie an unübersehbaren Stellen drapierte Bilder von Raucherbeinen und verotteteten Lungenflügeln. Inzwischen war Lara elf und gefiel sich in altkluger Abgeklärtheit. Alfreds jüngsten Entzugsversuch am vergangenen Wochenende hatte sie mit einem kühlen "Ob sich Aufhören in Deinem Alter überhaupt noch lohnt..." kommentiert.

Pubertierende Mädchen. Pah. Da kommt noch Einiges auf uns zu, vor allem in Sachen Zickerei, murmelte Alfred zum Mac. Erst gestern hatte Lara eine befreundete Nachbarin perfide aus der Fassung gebracht: "Also Judith, Deine Haare haben sich wirklich gut gehalten. Die sind so schön voll, und so viele und so lang, dabei bist Du doch fast so alt wie meine Mutter. Aber Deine werden demnächst bestimmt auch dünner..."

Später am Abend, nach rund zweieinhalb Flaschen Nero Tavola und literweise Reminiszenz waren Judith und Alfred wieder einmal zusammen im Bett gelandet. Im gegenseitigen Trösten bekommen wir langsam Routine, dachte Alfred und kraulte sich zwischen den Beinen. Zu dumm, dass er sie beim Aufstehen heute Morgen dann brüskiert hatte. Drüben klingeln und sich ein bisschen entspannen lassen, genau das wär's jetzt. Und genau das sowie auch jede andere Sorte bequemen Nachbarschaftssex würde er sich für die nächsten Tage wohl abschminken müssen.

Warum hatte er auch wieder diesen dämlichen Scherz gemacht? Den hatte bisher noch jede Frau als Kritik verstanden: Als Dozent für Kommunikationswissenschaften sei er in Sachen Ästhetik, also genauer gesagt im Hinblick auf begehrenswerte Gesichter und Körper doch recht verwöhnt. All die straffen, schönen Studentinnen um ihn herum und das täglich. 20 Jahre Altersunterschied, jenun, aber die Bedeutung der Gesprächsebene sei im Männer/Frauengeschäft doch sowieso maßlos überschätzt... Judith hatte das offenbar weder lustig gefunden noch (was korrekt gewesen wäre) als verstecktes Kompliment verstanden und es plötzlich sehr eilig gehabt, ins Bad und dann aus dem Haus zu kommen.
(tbc)


Das T-Shirt war schwarz, ausgefranst und am ausgebeulten Bauch etwas dünn. Der weiße Schriftzug „Ich war als Kind schon Scheiße“ war etliche Male mit Stofffarbe nachgemalt. Das beste Geschenk zum 27. Geburtstag. Und das letzte von Conni. „Könnte man glatt mal wieder anziehen“, murmelte Albert und nahm den gesamten Hemdenstapel aus der Kommode.

Vielleicht verläuft Zeit ja doch nicht linear, dachte er und breitete die Hemden auf dem riesigen balinesischen Bett aus, das er Jan für läppische 150 Mark abgeschwatzt hatte. Kurz danach hatte sich Jan mit seinem Para-Glider irgendwo bei Innsbruck absichtlich zu Tode gestürzt. Wie lange war das jetzt her? Auch schon wieder sieben oder acht Jahre.

Mehr als dreißig T-Shirts mit Sprüchen wie Wer ficken will muss freundlich sein... Lieber mit Millionen spielen als mit Muskeln..., allesamt nur so mittel lustig. Warum hatte er die eigentlich durch mehrere Länder und unzählige Wohnortwechsel geschleppt?

43. Drei-und-vierzig. Ein Scheiß-Alter, das! Was soll da noch kommen? Zu alt, zu schlaff, zu fett, zu neurotisch, zu inkonsequent, um noch was zu reissen... Das hatte er zwar mit 27 schon gedacht, mit 30 und mit 36 auch, doch mittlerweile waren die Gründe dafür real. Für weniger als 40 ging er heutzutage nirgendwo mehr durch, egal ob in T- oder Button-Down-Shirt. Was für eine Verschwendung echter Lebenszeit und Gelegenheiten, seufzte Alfred laut und ging Mülltüten suchen.

Eigentlich sollte er jetzt am Schreibtisch sitzen und schreiben. Wantoch sass ihm im Nacken. "Wenn bis zum 31. Oktober nichts draußen ist,lädst Du acht Leute ein, die sich nicht grün sind. Denen servierst Du ein mindestens viergängiges Menü, dazu aber keinen Tropfen Alkohol..." Die Blaukreuzer-Verschärfung war Wantoch eingefallen, nachdem Alfred die Herausforderung grinsend angenommen hatte. Unterschiedlichste Leute aufeinander treffen lassen, abfüllen und absurden Fraternisierungen freien Lauf lassen, daran hatte Alfred früher schon seinen Spass gehabt.

Auf der Party zum 36. Geburtstag etwa hatte er seinen eher grob gestrickten Vater auf den schwulen Viktor gehetzt, der seinen zarten Hitlerjungen-Kopf dann später aber an Theresas Riesenbrüste (...alles echt, fühl mal, der Regisseur neulich war richtig begeistertm wie ich die Dinger wackeln lassen kann...) bettete und von lexikalischen Problemen sowie dem Klagenfurter Vorlesewettbewerb brabbelte, während der alte Belferbach engstens mit Shumei tanzte, der er einige Stunden vorher noch nicht einmal hatte begrüßen wollen.

"Was will denn die Chinesenschlampe hier? Bei Dir ist doch nun wirklich nichts mehr zu holen..." hatte er Alfred in der Küche angezischt. In Sachen Deutsch-chinesischer Freundschaft war der alte Belferbach ein gebranntes Kind. Seine zweite Scheidung von einer kapriziösen Taiwanerin namens Liping hatte ihn mehrere Häuser, erhebliche Mengen Geldes sowie Stücke Kunst gekostet, an denen er wirklich gehangen hatte und das nicht aus Investmentgründen. Seit Liping schwor er auf Osteuropäerinnen. "Die sind dankbarer..."

Kein Alkohol also. Wantoch war wirklich kein dummer Mann. Wie komm ich aus der Nummer bloß wieder raus? Alfred stöhnte vor sich hin, während er seine alten T-Shirts mechanisch in einen blauen 80-Liter Müllsack stopfte. Andererseits hatte es in letzter Zeit auch mit Suff bemerkenswert freundlose Abende gegeben. Neulich in der Catalina-Bar zum Beispiel, als sie nachts um eins um ein Schachbrett baten und dann Alle so taten, als würden sie Felix und Svens Züge völlig faszinierend finden, nur um nicht weiter miteinander reden zu müssen. Nüchtern geht da mal gar nichts, befand Alfred und fuhr den Mac hoch.

(tbc)

30.6.08

Blues, nicht nur sonntags



Himmelherrgott oder wie das mich regierende Wesen heissen mag, falls es sowas gibt: Vertreibe mir doch bittebittebitte diese lähmenden Gedanken an Endlichkeit, Tod und Lebensverschwendung aus dem Kopf! Geh von der Leichtherzigkeitsbremse, hol mich aus dieser endlosen Selberniedermachungsspirale! Gib mir die Energie, einfach mal drauf los zu leben! Den Mut, Menschen wieder an mich zu lassen und das durchaus auch körperlich! Zurückhaltung ist keine Tugend, wenn einem all die "Erfolge" entgehen, die man locker einheimsen könnte, wenn man nicht so eine feige Socke wäre... Ich werd verrückt in der Gedankenwelt, muss raus aus dieser selbstgezimmerten, zugebenermassen recht komfortablen Isolationszelle. Also, tu was, Alte!

Precious, once

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