
Das T-Shirt war schwarz, ausgefranst und am ausgebeulten Bauch etwas dünn. Der weiße Schriftzug „Ich war als Kind schon Scheiße“ war etliche Male mit Stofffarbe nachgemalt. Das beste Geschenk zum 27. Geburtstag. Und das letzte von Conni. „Könnte man glatt mal wieder anziehen“, murmelte Albert und nahm den gesamten Hemdenstapel aus der Kommode.
Vielleicht verläuft Zeit ja doch nicht linear, dachte er und breitete die Hemden auf dem riesigen balinesischen Bett aus, das er Jan für läppische 150 Mark abgeschwatzt hatte. Kurz danach hatte sich Jan mit seinem Para-Glider irgendwo bei Innsbruck absichtlich zu Tode gestürzt. Wie lange war das jetzt her? Auch schon wieder sieben oder acht Jahre.
Mehr als dreißig T-Shirts mit Sprüchen wie Wer ficken will muss freundlich sein... Lieber mit Millionen spielen als mit Muskeln..., allesamt nur so mittel lustig. Warum hatte er die eigentlich durch mehrere Länder und unzählige Wohnortwechsel geschleppt?
43. Drei-und-vierzig. Ein Scheiß-Alter, das! Was soll da noch kommen? Zu alt, zu schlaff, zu fett, zu neurotisch, zu inkonsequent, um noch was zu reissen... Das hatte er zwar mit 27 schon gedacht, mit 30 und mit 36 auch, doch mittlerweile waren die Gründe dafür real. Für weniger als 40 ging er heutzutage nirgendwo mehr durch, egal ob in T- oder Button-Down-Shirt. Was für eine Verschwendung echter Lebenszeit und Gelegenheiten, seufzte Alfred laut und ging Mülltüten suchen.
Eigentlich sollte er jetzt am Schreibtisch sitzen und schreiben. Wantoch sass ihm im Nacken. "Wenn bis zum 31. Oktober nichts draußen ist,lädst Du acht Leute ein, die sich nicht grün sind. Denen servierst Du ein mindestens viergängiges Menü, dazu aber keinen Tropfen Alkohol..." Die Blaukreuzer-Verschärfung war Wantoch eingefallen, nachdem Alfred die Herausforderung grinsend angenommen hatte. Unterschiedlichste Leute aufeinander treffen lassen, abfüllen und absurden Fraternisierungen freien Lauf lassen, daran hatte Alfred früher schon seinen Spass gehabt.
Auf der Party zum 36. Geburtstag etwa hatte er seinen eher grob gestrickten Vater auf den schwulen Viktor gehetzt, der seinen zarten Hitlerjungen-Kopf dann später aber an Theresas Riesenbrüste (...alles echt, fühl mal, der Regisseur neulich war richtig begeistertm wie ich die Dinger wackeln lassen kann...) bettete und von lexikalischen Problemen sowie dem Klagenfurter Vorlesewettbewerb brabbelte, während der alte Belferbach engstens mit Shumei tanzte, der er einige Stunden vorher noch nicht einmal hatte begrüßen wollen.
"Was will denn die Chinesenschlampe hier? Bei Dir ist doch nun wirklich nichts mehr zu holen..." hatte er Alfred in der Küche angezischt. In Sachen Deutsch-chinesischer Freundschaft war der alte Belferbach ein gebranntes Kind. Seine zweite Scheidung von einer kapriziösen Taiwanerin namens Liping hatte ihn mehrere Häuser, erhebliche Mengen Geldes sowie Stücke Kunst gekostet, an denen er wirklich gehangen hatte und das nicht aus Investmentgründen. Seit Liping schwor er auf Osteuropäerinnen. "Die sind dankbarer..."
Kein Alkohol also. Wantoch war wirklich kein dummer Mann. Wie komm ich aus der Nummer bloß wieder raus? Alfred stöhnte vor sich hin, während er seine alten T-Shirts mechanisch in einen blauen 80-Liter Müllsack stopfte. Andererseits hatte es in letzter Zeit auch mit Suff bemerkenswert freundlose Abende gegeben. Neulich in der Catalina-Bar zum Beispiel, als sie nachts um eins um ein Schachbrett baten und dann Alle so taten, als würden sie Felix und Svens Züge völlig faszinierend finden, nur um nicht weiter miteinander reden zu müssen. Nüchtern geht da mal gar nichts, befand Alfred und fuhr den Mac hoch.
(tbc)
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