Feindbilder 1

Eigentlich habe ich nichts gegen Frauen, nichts gegen Kinder, nichts gegen Durchsetzungswillen, und auch gegen die bayerische Landeshauptstadt habe ich nicht viel. Aber gegen mittelalte Münchener Mütter hab ich was, denn die sind oft grausam. Grausam anzuschauen mit ihren Sonnenbrillen im blondgesträhnten Haar und den quadratmetergroßen Umhängetaschen. Grausam anzuhören in ihren Dialektimitationen, diesen falsch aufgesetzten bayerischen Zungenschlag, den sich offenbar jede aus NRW oder Niedersachsen Zugereiste zulegt, sobald sie sich hier niederlässt. Grausam sind sie auch in ihrem Territorialverhalten, das, ganz gleich ob in der U-Bahn, in Gaststätten oder selbst auf breiten Einkaufsstrassen dem von Panzer-Fahrzeugen gleicht.
Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Die Leistung, ein Kind in die Welt gebracht zu haben und aufzuziehen, möchte ich keinesfalls schmälern. Und niemals und nirgendwo würde ich einer Mutter Hilfe, etwa bei der Koordination von Buggy, kreischendem Kind und 1000 Einkaufstüten, verweigern. Allerdings glaube ich nicht, dass Gebähren automatisch einen Anspruch auf pausenlose VIP-Behandlung und Nichteinhalten simpler Höflichkeitsregeln konstituiert.
Bei Ludwig Beck am Rathauseck (Claim: Kaufhaus der Sinne) steuere ich eine nicht verriegelte Toilettentür an und drücke gerade die Klinke herunter, als es aus der Kabine gellt: "Was fallt eana ein. Hier sitzt ma Bub. Weg da!!! "
"Junge Frau, schließen Sie doch einfach ab, dann passiert sowas nicht," sage ich ruhig, trete zurück und will gerade nach rechts weiter zur nächsten Kabine gehen, als aus der Bub-besetzten eine blondgefärbte Furie um die vierzig schießt und mich mit ausgestrecktem Zeigefinger stupst. „Geh Sie da, was san Sie denn für eine? Erst stoßen’s meim Bub beinah den Kopf blutig und dann wollen’s auch noch frech werden“.
Den Impuls, ihr eins auf die Pink-geschminkten Lippen zu fausten und ihr die Sonnenbrille in die Nasenlöcher zu rammen, kann ich unterdrücken. Nicht aber, ihren Finger brüsk von meiner Schulter zu entfernen und ihr in bester Herrenreitermanier ein paar Takte zum Thema korrektes Verhalten in der Öffentlichkeit entgegen zu schnarren. Dann lasse ich sie stehen, gehe in eine zweifelsfrei freie Kabine und verriegele die Tür.
Ihr Gezeter ("das ist ja wohl, also das Allerletzte ist des, sowas Arrogantes, des muss ich mir nicht gefallen lassen, ja haben's des jetzt gehört...") übertönt jedes Pinkel- und Spülungsgeräusch. Offenbar findet sie bei den anderen Toilettenbenutzerinnen aber keine Unterstützung und so herrscht sie ihren Sohn an, nun gänzlich ohne bayrische Anmutungen: "Nun mach endlich, Willem! Zappel nicht so rum. Das ist doch bloss Seife. Zum Händewaschen nimmt man Seife, S-E-I-F-E! Sag das jetzt, Seife! Los, Los, los, raus hier..."
Draußen auf dem Marienplatz lungern viele Polizisten um ein paar Frauen mit Transparenten. Darüber muss ich laut lachen. Auf den Transparenten steht tatsächlich "Mütter gegen den Krieg."
Labels: dreasan, Höflichkeit, Kinder, München, Mütter, phony accents, Spätgebährende
1 Kommentare:
eine sonnenbrille ist kein haar-accessoire-dings, auch nicht in blonden strähnchen. sag ich schon immer. zum rest was du sagst.
martini
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