10.3.07

Größe und Gefühl



Dostojewksi ist nicht so mein Ding, obwohl "Schuld und Sühne" für christlich-judäisch Verstrahlte ja eigentlich immer ein Thema ist. Jedenfalls habe ich das Frühwerk "Erniedrigte und Beleidigte" nie gelesen und würde ehrlich gesagt noch nicht mal eine Inhaltsangabe hinbekommen, ohne Google bemühen zu müssen. Meine Allgemeinbildung hat eben Grenzen.

Auf das Banner der Volksbühne gestern bin ich einfach so angesprungen. "Erniedrigte und Beleidigte, was für ein grossartiger Titel, und dann noch mit diesem OST drüber und Volk drunter..." kreischte ich Astrid zu. Wir waren auf dem Weg in die vierte oder fünfte Galerie, um an diesem Freitag vielleicht doch noch ein Stück begeisternde Kunst zu sehen zu bekommen, was dann übrigens auch dort nicht klappte.

Vom Allgemeinen und größeren Bevölkerungsgruppen kommt man ja ziemlich zwanglos auf sich selbst und so überlegte ich, was denn wohl Erniedrigungen mit legitimen Schmerz gewesen waren in meinem Leben und wo ich "nur" in der Eitelkeit gekränkt und entsprechend beleidigt reagiert hatte. Die Erinnerung spuckte eine längere, unchronologische Liste aus.

Was war das, als Martin damals vor versammelter Mannschaft demonstrativ mit Gitti rummachte? Als Eva überall diese unglaublichen Lügen herum erzählte und ich vor den Kadern Selbstkritik machen musste? Mich die Firma trotz schriftlicher Wiedereinstellungsgarantie abwies und mit Versprechungen hin hielt? Und die Zurückweisung durch Oliver? Was war das, als mich die ZIA mit einem dürren E-Mail (...das funktioniert irgendwie nicht mit Dir...) rauswarf und selbst von völlig belanglosen Sozialleben-Verteilern abklemmte? Oder diese Demoschlägerei? Assmann, das Arschloch? Als mir meine Schwester sagte, ich verkörpere alles, was sie widerlich fände in diesem Leben? Die unselige promiske Fete bei Stock? Das Versagen beim Sozialdienst? Diese Spitzelverdacht Anfang der 80er. Pleite und Tod der Eltern, usw., usw. usw.
Nach knapp drei Minuten gab ich die Klassifizierungsversuche auf, zumal all die Vorfälle heutzutage nicht mehr von fassbarem Belang sind.

Schmerz ist Schmerz, die Bennennung und Herausarbeitung von Anlässen und Auswirkungen nicht mehr als semantische Feindröselei, und irgendwann wachsen sie ja eh zu, die Wunden. Jedenfalls die meisten. Egal ob Erniedrigung oder Beleidigtsein dran steht.

Neue Parties, neue Narben...

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