Grenzgebiet
Lewinson, unser Motorradschrauber, war ein inwändig und äußerlich schöner Mann. Immer noch. Zugegeben, die letzten 25 Jahre hatten ihm ein wenig Hautstraffheit und Hirnschärfe geraubt, aber ansonsten hatte er sich kaum verändert. In seinen Conquistadoren-Outfits und der Lockenmatte, die ihm jetzt schlohweiss und leicht strohig bis knapp zur Taille hing, sah Lewinson anachronistisch bis albern aus und in ein besseres Restaurant hätte ihn keiner von uns mitgenommen. Aber wenn er mit der ihm eigenen Sorgfalt fast zärtlich über Zylinder oder seine selbst konstruierten Auspufftöpfe strich, schmolzen wir in Nostalgie. Zumal, wenn er beim Schrauben und Warten über Grenzen der Wahrnehmung, Selbstrespekt oder Menschenliebe sprach. Dieselben Anliegen, dieselbe Leidenschaft, Rhetorik und Gestik wie vor einem Vierteljahrhundert.
Für Bierthaler, Max und mich waren die Nachmittage mit Lewinson, die wir uns einmal pro Quartal gönnten, besser als jedes Spa. Brachten sie uns doch direkt zurück in die Zeit, in der man mit einer Honda Four-in-One ebenso punkten konnte wie mit Zitaten irgendwelcher Indianerführer, Erlebnissen vom Brockdorfer Bauzaun, oder der ostdeutschen Marx-Engels Werkausgabe im Regal.
Bierthaler war Rechtsanwalt. Erfolgreich, korrupt, und verfettet, aber mit einer exquisiten Sammlung alter Motorräder. Bierthaler, der sich kurz vor dem Abitur aus taktischen Gründen mit den Vätern schulweit verachteter Mitschüler angefreundet hatte, um in eine bessere Studentenverbindung zu kommen...
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